Zeitensprünge- Auftaktveranstaltung in Rostock
21.09.2005: Es ist Dienstag Vormittag, der 20. September - ein wolkenverhangener Tag. Aus den Kabinenfenstern kann man das Treiben an Land verfolgen. Das Leben dort hat kaum begonnen, da herrscht auf dem "Warnowschiff" im Rostocker Stadthafen schon geschäftige Regsamkeit.
(Text/Fotos: Liv Abel)
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Warnowschiff Rostock |
Letzte Vorbereitungen werden getroffen, bevor die rund 30 Gäste - allesamt Projektbetreuer und Projektbetreuerinnen des Jugendprogramms Zeitensprünge - im Herzen der geschichtsträchtigen Hansestadt eintreffen. Geschichte, genauer die unerforschte Orts- und Regionalgeschichte ist nämlich auch das Thema der heutigen Veranstaltung, die offizielle Einleitung des Jugendprojekts in Mecklenburg-Vorpommern.
Langsam füllt sich der Konferenzraum an Deck des Warnowschiffes. Für viele ist es das erste Mal, dass sie an einer Veranstaltung wie dieser teilnehmen. Nach einer kurzen Begrüßungs- und Vorstellungsrunde wird schnell klar, trotz vieler Gemeinsamkeiten in der Arbeit sind die Forschungsvorhaben und -interessen der 34 zu betreuenden Zeitenspringer-Projekte absolut bunt und unterschiedlich. Da geht es zum Beispiel um ein Projekt mit dem Namen "Streng geheim!", das die bei einer Enttarnung eines Waffenlagers 1989 beteiligten Bürgerinnen und Bürger ausfindig zu machen versucht, andere untersuchen die Geschichte der jüngsten Plattenbausiedlung in Rostock, mit Namen Toitenwinkel und wiederum anderen geht es um die 53-jährige Geschichte einer Gehörlosenschule in Güstrow, den Schulalltag unter verschiedenen politischen Systemen und auch um das Leben mit der Behinderung "Hörschädigung".
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Auftaktveranstaltung Rostock |
Aber die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind natürlich nicht nur zusammengekommen, um die anderen Projektvorhaben kennen zu lernen oder etwa das maritime Flair an Bord zu genießen, sie wollen sich vor allen Dingen über die konkrete Projektarbeit und den richtigen Umgang mit Jugendlichen und historischer Geschichtsarbeit informieren. Viele Fragen müssen angesprochen und diskutiert werden, beispielsweise: Wie kann es gelingen, längst vergangene Geschichten für Jugendliche erfahrbar zu machen und dabei den klassischen Frontalunterricht zu umgehen? Wie vermeidet man Lernen nach Jahreszahlen und vermittelt stattdessen einen kreativen Umgang mit Geschichte, der es erlaubt die Lücken in den Archiven mit eigenen Fragen und Ideen zu füllen?
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Arbeitsgruppe |
"Biografisches Lernen" sei ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang, erklärt Antje Berndt vom Anne-Frank-Zentrum in Berlin - die 27-Jährige gibt den Projektleiterinnen und -leitern gemeinsam mit ihrer Kollegin Nadja Weck eine Einführung in Sachen historische Projektarbeit.
"Man bekommt einen deutlich besseren Zugang zu Geschichte, wenn man Geschichtsforschung auch an das eigene Lebensumfeld anknüpft", sagt sie. Und sie weiß wovon sie spricht, denn sie hat tagtäglich mit Geschichte und dem Umgang mit Geschichte zu tun. Für viele Jugendliche stelle beispielsweise die Lektüre des Tagebuchs der Anne Frank eine erste Beschäftigung mit dem Thema Nationalsozialismus dar, sagt sie. Durch die Geschichte des jungen Mädchens könne Jugendlichen die Zeit des Nationalsozialismus viel näher gebracht und verständlicher gemacht werden als durch stupides Lernen nach Jahreszahlen. Dass Geschichten, die in irgendeiner Form an das eigene Lebensumfeld anknüpfen, Jugendliche mehr interessieren und zu eigenen Fragestellungen und Ideen anregen, kann der 17-jährige Heino von der Schülerfirma "Pic.It!" prompt bestätigen. Er ist einer von drei "Zeitenspringern", die zur Auftaktveranstaltung mitgekommen sind. Sein Team habe aus diesem Grund auch den Nachbarstadtteil seiner Schule in den Mittelpunkt der Arbeit gerückt, schließlich würde den alle kennen, ohne sich jemals Gedanken über seine Entstehungsgeschichte gemacht zu haben, sagt er.
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Projektleiter |
Geschichte lasse sich für Jugendliche zudem über die vielen privaten Geschichten der Eltern und Großeltern, die so genannten Albumgeschichten, ganz konkret erfahrbar machen, fügt Antje Berndt hinzu. Außerdem könnten hier Jugendliche und Erwachsene gut zusammenarbeiten, voneinander lernen und partizipieren. Generationenübergreifendes Lernen also. Die Runde nickt. In diesem Punkt würden sicherlich auch die jungen Zeitenspringer aus Demmin zustimmen. Diese wollen sich nämlich im jeweiligen Familienkreis umhören, die Jugend ihrer Eltern mit der eigenen vergleichen, mögliche Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen und letztendlich versuchen, daraus neue Perspektiven für sich und ihren Heimatort zu entwickeln. In jedem Fall sei es wichtig, vielmehr Fragen zu stellen, anstatt Antworten vorzugeben, resümiert Antje Berndt. Um einen richtigen Umgang mit Geschichte entwickeln zu können, sei es schließlich wichtig kein Abfragespiel zu veranstalten. Vor allem die offenen oder sogar irritierenden Fragen regten dabei zu eigenen Überlegungen an und erzeugten eine Neugier, geschichtliche Ereignisse zu hinterfragen und nach weiteren Motiven und Interessen zu forschen.
Während es auf dem Schiff weitergeht mit historischer Geschichtsforschung, mit Quellensuche in Archiven, Tipps im Umgang mit Zeitzeugen, Recherchehilfe im Datenmeer Internet und und und, ist auch der Himmel über Rostock aufgeklart und es riecht zudem nach Mittagessen. Wir machen uns wieder auf den Heimweg - aber nicht ohne auch einen Blick in die Zukunft zu wagen: die Ergebnisse der diesjährigen Zeitenspringer-Runde versprechen viele neue und spannende Geschichten.


