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Ganz nah dran: Zeitenspringer bei der Arbeit

Teil 6: "Ich wusste damals nicht, was Abschied bedeutet" / Zeitzeugengespräch in Rostock

Text/Fotos: Lena Siebernik, Zeitensprünge-Projektkoordinatorin

Es ist 14:30 Uhr an einem sonnigen Spätherbsttag. Und wir haben eine Stunde Zeit, den Kindheitserinnerungen eines 77-jährigen, sehr prominenten Zeitzeugen zu lauschen. Wir Zeitenspringer des Projektes "Berühmte jüdische Persönlichkeiten in Rostock" treffen heute Dr. Peter Schulz. Der studierte Rechtswissenschaftler macht 1959 seine juristische Staatsprüfung in Hamburg, wird Anwalt und nach einiger Zeit als Senator Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg. Herr Dr. Schulz ist in Rostock geboren und lebt hier bis 1949 mit seinen Eltern. In seiner Geburtsstadt besucht er einen Kindergarten, dessen Begründerin und Leiterin Marie Bloch ist - eine unserer berühmten jüdischen Persönlichkeiten der Stadt Rostock.

  

Dr. Peter Schulz, der eigentlich wegen einer Ehrenveranstaltung in das Rathaus nach Rostock kommt, hat sich bereit erklärt, vor diesem Termin eine Stunde mit uns über seine Erinnerungen an Marie Bloch und seine Kindheit zu sprechen. Wir sind etwas aufgeregt angesichts der Persönlichkeit, die gleich hier vor uns sitzt und uns über Vergangenes erzählt. Die Fragen an Herrn Schulz haben wir uns vorher gut überlegt und formuliert, um möglichst viel zu erfahren und jetzt liegen sie vor uns bereit. Herr Dr. Schulz, der in Begleitung seiner Frau kommt, betritt den Raum im Max Samuel Haus. Es geht los. Wir stellen uns, unser Projekt und das Jugendprogramm "Zeitensprünge" vor. Herr Dr. Schulz ist sehr interessiert und wir dürfen unsere erste Frage stellen. "Wann kamen Sie in den Kindergarten von Marie Bloch, wie lange blieben Sie dort und wie alt waren Sie?" Herr Dr. Schulz überlegt und bemerkt, dass es ihm schwer fällt, sich an diese weit zurück liegende Zeit in seinem Leben zu erinnern. Wir bekommen eine Ahnung davon, welche Schwierigkeiten so ein Zeitzeugengespräch mit sich bringen kann.

  

Doch dann beginnt Herr Dr. Schulz sich zu erinnern und das Gespräch wird von Frage zu Frage spannender und auch ergreifender. So erfahren wir, wie er von seinem jüdischen Hausarzt, Dr. Hans Lindenberg, an Marie Bloch empfohlen wurde. Er erinnert sich an kleine Geschichten aus seiner Kindergartenzeit und erzählt uns alles. Sein damaliger Freund und er kommen immer zu spät in den Kindergarten und "Tante Mietze", wie sie alle nennen, ruft bei seinen Eltern an, sie möchten ihn doch bitte pünktlich losschicken. Seine Mutter folgt ihrem Sohn darauf zur Bushaltestelle um zu sehen, warum die Jungs immer zu spät kommen. Zu dieser Zeit werden neue Busse in den Verkehr gebracht und die beiden Jungs, ungefähr 5 oder 6 Jahre alt, wollen lieber mit einem der neuen Busse fahren. So lassen sie alle alten Busse passieren, bis ein neues Modell kommt, mit dem sie dann in den Kindergarten fahren.

Herr Schulz erzählt fast ohne Pause und wir sitzen gespannt am Tisch und hören beinahe atemlos zu. Wir wollen nichts verpassen und lauschen seinen Erlebnissen mit voller Aufmerksamkeit. Ihm fallen immer mehr Geschichten ein. Wir erfahren vom Luftschiff Zeppelin, das Herr Dr. Schulz damals mit seiner Kindergartengruppe bei einem Tagesausflug sieht. Wir hören wie er an einem großen Tisch in Marie Blochs Kindergarten sitzt und bastelt.

  

Marie Bloch wird 1871 in Berlin geboren, kommt 1908 nach Rostock um hier zunächst den Haushalt ihres Bruders zu führen. Sie kauft mit dem Geld einer Erbschaft ein Haus in Rostock und eröffnet 1910 ihren "Fröbelschen Kindergarten" in der Paulstraße 5. Sie ist darüber hinaus als Oberleiterin in der Kinderfürsorge tätig, ist mit der Umgestaltung vieler Kindergärten und Kinderkrippen in Mecklenburg beauftragt und leitet die Überführung privater Kindergärten in die städtische Fürsorge. Sie ist in Rostock hoch geschätzt und engagiert sich sehr für das Kindeswohl. Durchschnittlich besuchen 30 Kinder ihren Kindergarten, doch ab dem Jahr 1934 kämpft sie gegen finanzielle Schwierigkeiten an und im Sommer desselben Jahres wird ihre an den Kindergarten angrenzende Kinderpflegerinnenschule von den Nazis geschlossen. Kurz darauf muss sie auch ihren Kindergarten abgeben und ihr Haus in der Paulstraße verkaufen. Am 11. November 1942 wird Marie Bloch in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie im Frühjahr 1943 stirbt.

Viele Zeitzeugen erinnern sich nur positiv an Marie Bloch und so auch Dr. Peter Schulz. Er sagt, es war immer schön bei ihr, es gab nie etwas Negatives und er wollte nie in einen anderen Kindergarten. Auf die Frage wie Marie Bloch den Kindern gegenüber auftrat, zeigt er ein Bild von ihr und sagt: "So." Tante Mietze sieht sehr lieb aus. Sie hat sehr freundliche und warme Augen. Wir können uns wirklich vorstellen, wie sie war.

  

Es gibt aber auch traurige Erinnerungen an die Zeit von 1934 bis 1938. Dr. Schulz erzählt von einem Traum, den er als achtjähriger Junge hat. Er kann es nicht nachvollziehen, dass damals niemand gesehen hat, wie Juden verfolgt, vertrieben oder in KZ’s deportiert und von den Nazis tyrannisiert werden. Er träumt, dass seine Familie und er auf einen der damals typischen Lastwagen verfrachtet werden und wie dieser LKW in die Warnow fährt. Dr. Schulz hat Tränen in den Augen. Mit zittriger Stimme und langen Pausen erzählt er, dass er diesen Traum mehrfach als Kind hat und jedem, der meint, nichts gewusst zu haben, sagte: "Wenn ein Achtjähriger so beeindruckt war von Dingen, die er gesehen hat, die er gewusst hat, dass er diesen Traum gehabt hat, dann wollt ihr doch nicht sagen, ihr habt keine Ahnung gehabt."

Wir sind betroffen und etwas verlegen. Man merkt, wie er die damaligen Ereignisse vor Augen hat und auch heute noch versucht, diese zu verarbeiten. Er fasst sich wieder und wir erfahren auch, dass damals das normale Leben stattfindet. Man ist verliebt, geht mit Freunden aus, man arbeitet und macht Ausflüge. "Man lebte sein Leben und alles andere ist irgendwie weg", wie Dr. Schulz es sagt.

  

Die Stunde geht langsam zu Ende. Herr Dr. Schulz muss gleich zu dem Empfang im Rathaus, doch wir können noch eine Frage stellen. "Können Sie sich noch an den Abschied von Marie Bloch erinnern?" Er hat damals zu seinem Abschied aus dem Kindergarten eine persönliche Einladung von Marie Bloch bekommen und wir erfahren, dass ihm nicht bewusst war, was das Wort "Abschied" bedeutet. Er vermutet, dass er es nicht einmal lesen konnte. "Aber aus heutiger Sicht, aus der Sicht eines Erwachsenen, der weiß, was damals passiert ist, gewinnt das Wort an Bedeutung. Marie Bloch war das wohl klar, als sie es schrieb" - Er hat auch nach seinem Abschied nie wieder etwas von ihr persönlich gehört.

Herr Dr. Schulz muss leider losgehen. Wir bedanken uns bei ihm und seiner Frau für das Gespräch und die vielen Geschichten. Wir sind sehr beeindruckt und überglücklich, ein Stück Geschichte eines Zeitzeugen erleben zu können.

Kurzbiografie Dr. Peter Schulz

Peter Schulz (geb. am 25. April 1930 in Rostock) ist ein deutscher Jurist und Politiker (SPD). Er war von 1971 bis 1974 Erster Bürgermeister von Hamburg. Sein Vater Albert Schulz war von 1945 bis zu seiner Absetzung 1949 Oberbürgermeister von Rostock. Peter Schulz machte 1949 Abitur in Rostock und studierte nach der Flucht der Familie aus der DDR an der Universität Hamburg Rechtswissenschaften. 1959 legte er die große juristische Staatsprüfung ab und erhielt die Zulassung als Rechtsanwalt in Hamburg. Ein Jahr später gründete er mit Dr. Alfred Phillipp eine Sozietät. Peter Schulz ist verheiratet und hat zwei Kinder. Bereits während des Studiums war Schulz bei den Jungsozialisten sowie als Bundessekretär des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) tätig. 1961 wurde er Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft und verschaffte sich dort durch die erfolgreiche Leitung eines parlamentarischen Untersuchungsausschuss rasch Ansehen. 1966 wurde der Sozialdemokrat Hamburger Senator für Justiz. Es folgte 1970 das Amt des Zweiten Bürgermeisters und Senator für Schule und Jugend. Am 16. Juni 1971 wurde Schulz als Nachfolger von Herbert Weichmann zum Ersten Bürgermeister gewählt. Zu diesem Zeitpunkt war Schulz der jüngste Erste Bürgermeister seit 1678. Nach schweren Verlusten bei der Bürgerschaftswahl trat er am 12. November 1974 zurück. Sein Nachfolger wurde Hans-Ulrich Klose. Von 1978 bis 1982 und 1983 bis 1986 war Peter Schulz Präsident der Bürgerschaft.

(Quelle: Wikipedia)

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